Mentoring in der Wissensgesellschaft.



Die atemberaubende Schnelligkeit, die Spannweite und Unvorhersagbarkeit gesellschaftlicher Wandlungsprozesse - zu erkennen an den Halbwerts- und Entwertungszeiten beruflicher Qualifikationen - machen kontinuierliches Lernen zur Selbstverständlichkeit.

Lernen im Mentoring verstehen wir als einen Prozess, der der eigenen, bestehenden Lebenserfahrung einen neuen Sinn und diesem Sinn auch eine entsprechende Bedeutung verleiht. Lernen in diesem Kontext hilft dabei, einen neuen, erweiterten Bezug zum Denken, Handeln, Probleme lösen, Entscheiden usw. herzustellen. Mentoring gestalten wir daher als eine "Plattform innovativen Lernens".

Innovatives Lernen ist heute eine grundlegende organisatorische und gesellschaftliche Notwendigkeit - es entscheidet über die Zukunftsfähigkeit sozialer Systeme. Lernen bedeutet nicht die Aufnahme von immer mehr Informationen, sondern die Erweiterung von Fähigkeiten und Fertigkeiten und die Auseinandersetzung mit den eigenen Gedanken und Vorstellungen. Lernprozesse müssen daher so gestaltet sein, dass Ziele, Interessen, die soziale Situation und die emotionalen Aspekte des Lernenden mit einbezogen werden. Institutionalisiert man diesen Lernprozess, z.B. durch ein unternehmensspezifisches Mentoringkonzept, dann kann ein Lernen ermöglicht werden, das Einstellungs- und Verhaltensänderungen beim Lernenden einerseits als auch eine weitere Kultivierung der Organisation zu einer "lernenden Unternehmung" bewirkt.

Mentoring bietet dabei zweierlei: zum einen eine geschützte, vertrauliche Situation, in der Fehlermachen und Experimentieren erlaubt ist, zum anderen die "reale Situation" der Interaktion mit Menschen und deren unterschiedlichen Erfahrungshintergründen.

"Was Sie mit Ihren Mentoringkonzeptionen eigentlich anbieten, ist das ursprünglichste des Menschen -
das Gespräch miteinander und füreinander."
(Ein Theologe im Gespräch mit Ralph Schlieper-Damrich, Perspektivenwechsel GmbH)

Es gibt zahlreiche Produkte und Dienstleistungen, die unsere Selbstverwirklichung, unser Wissen und unser persönliches Wachstum verstärken sollen - meist in Form von Seminaren, Klausuren, Selbsthilferatgebern und Zeitschriften. All diesen Methoden der persönlichen Weiterentwicklung fehlt jedoch eine wichtige Komponente: Die des individualisierten, maßgeschneiderten, persönlichen Umfeldes. Mentoring schließt diese Lücke und bietet die Möglichkeit, persönliches Potential in einer geschützten "one-to-one"-Beziehung zu erkennen, zu fördern und umzusetzen.

Mentoring beschreibt eine Beziehung, in der sowohl Mentor als Mentee sich als entwicklungsfähig und entwicklungswillig erleben und in der der Glaube an sich selbst die wesentliche Gestaltungskraft ist. Wir sehen Mentoring als positives Merkmal einer lebendigen Kultur, in der gegenseitige Aufmerksamkeit und Wissenstransfer keine unbedingte exklusive Angelegenheit ist.

Mentoring kann einen starken Beitrag leisten,
  • wenn es das Ziel ist, eine Gesellschaft der Selbständigkeit anzustreben, in der der Einzelne mehr Verantwortung für sich und andere trägt und in der er das nicht als Last, sondern als Chance begreift

  • wenn es das Ziel ist, eine Gesellschaft der Solidarität anzustreben im Sinne des Vertrauens auf das verantwortliche Handeln jedes Einzelnen für sich selbst und die Gemeinschaft

  • wenn das Ziel eine Informations- und Wissensgesellschaft ist, in der jedem die Chance eingeräumt wird, an der Wissensentwicklung unserer Zeit teilzuhaben

"Wir müssen unsere Jugend auf die Freiheit vorbereiten, sie fähig machen, mit ihr umzugehen. Ich ermutige zur Selbstverantwortung, damit unsere jungen Menschen Freiheit als Gewinn und nicht als Last empfinden. Freiheit ist das Schwungrad für Dynamik und Veränderung. Wenn es uns gelingt, das zu vermitteln, haben wir den Schlüssel der Zukunft in der Hand. Ich bin überzeugt, daß die Idee der Freiheit die Kraftquelle ist, nach der wir suchen und die uns helfen wird, den Modernisierungsstau zu überwinden und unsere Wirtschaft und Gesellschaft zu dynamisieren."
(Prof. Dr. Roman Herzog in seiner "Berliner Rede")

Gesellschaftspolitisch verankerte Mentoringprogramme beruhen auf einem erweiterten Begriff der Arbeit. Sie bieten eine Kommunikationsplattform, um Tätigkeiten in einer Mitgestaltungsgesellschaft einen neuen Boden zu bieten. Dieses Gestalten ist selbstbestimmt, zielt auf unmittelbare Zusammenarbeit und fördert damit ein sinnstiftendes und zufriedenes Leben. Wenn Unternehmen Mentoring in dieser Weise nutzen, um ihre "Competence Generation" zu "Mentoren der Jugend" zu entwickeln, kann dies für den erfahrenen Älteren zu einer neuen Mischung von Erwerbs-, Sozial- und Eigenarbeit führen.

Wir wissen seit langem, dass sich die demographische Entwicklung der Bevölkerung auf die Unternehmen übertragen wird. Das bedeutet, dass der Anteil der älteren Beschäftigten wächst und der Anteil der Jüngeren abnehmen wird. Der Anteil der über 50jährigen wird somit bald den Anteil der 30jährigen übersteigen. Es ist daher von großer Bedeutung, den Integrationsprozess zwischen "Alt" und "Jung" so zu gestalten, dass
  • Wissen und Erfahrung der Älteren zum Nutzen der Unternehmen erhalten bleibt,
  • Jüngere schneller lernen können und die
  • Wettbewerbsfähigkeit der Menschen und Organisationen gestärkt wird.

Eine Plattform, die den beiden Generationen die Möglichkeit gibt, miteinander neuen Kontakt aufzunehmen, ist also in jeder Hinsicht wünschenswert.

Das Projekt Zukunftsjugend, einziges bundesweites Mentoringprojekt zum Austausch von Wissen und Interessen zwischen Erfahrenen und Talenten, bietet diese Plattform an. Die Krise in unserem Bildungssystem, zu lange Ausbildungszeiten bei gleichzeitig schnellerem Verlust an Wissenswert, Komplexität einerseits und Wunsch nach persönlicher, individueller Entwicklung andererseits macht es Jugendlichen sehr schwer, eine richtige Weichenstellung für den Berufseinstieg vorzunehmen. Ältere Menschen, die aus dem Berufsleben ausscheiden, verbinden die gewollte oder ungewollt schnelle neue Lebensphase häufig mit einem Verlust eines speziellen Lebenssinns. Wohin mit allen Erfahrungen, die nur das Alter mit sich bringt? Wohin mit den Kenntnissen, wie man Niederlagen wegsteckt, Frustrationen überwindet, Scheitern durchsteht, Motivation bewirkt, Erfolge feiert? Diese Erfahrungen sind die Themen, die Jugendliche weiter bringen. Den Erfahrungsaustausch zu fördern ist ein gesellschaftliches Anliegen. Mentorenprogramme, wie das Projekt Zukunftsjugend, sind ein gutes Beispiel dafür, wie sich unsere Gesellschaft besser entwickeln läßt.