Leerer Raum.
"Ton wird zu Gefäßen geformt, Türen und Fenster werden aus den Wänden herausgeschlagen, aber die Nützlichkeit liegt stets im Leerraum. Nutzen entsteht aus dem, was gefertigt wurde, aber die Nützlichkeit entsteht aus dem, was fehlt." (Mentoring - das Tao vom Lehren und Lernen; Al Huang/Lynch; 1999) |
Der Wunsch nach einer Mentorenschaft entsteht meist dann, wenn etwas fehlt.
Dabei kann es sich um Situationen handeln, in der sich bei einem Menschen ein Übergang von einem Entwicklungsabschnitt in den nächsten vollzieht, z.B. Schule - Berufsausbildung; Studium - Berufsausbildung. Oder es können Situationen eintreten, in denen schwierige Entscheidungen für die weitere Berufs- und Lebensplanung zu treffen sind, z.B. Karriereschritte, Familienplanung. Oder es handelt sich um ein Unternehmen, das neue Wege sucht, die Organisation effektiver zu gestalten, die Qualifikation der Mitarbeiter zu verbessern und Potentiale besser nutzen zu können.
Die Nützlichkeit und die Anwendbarkeit des Konzeptes "Mentoring" erklärt sich also aus dem "leeren Raum", in der sich eine Person oder eine Organisation befindet und aus dem Wunsch, Nutzen aus diesem - vielleicht anstrengendem - leeren Raum zu ziehen.
Bei diesem Bild des leeren Raums drängt sich der Vergleich der leeren Leinwand des Künstlers auf.
Ist Mentoring eine Kunst?
Kunst zeichnet sich gemeinhin durch seine gesellschaftliche Geltung aus - als Ausdruck von Besonderheit. Kunstwerke setzen eine besondere Aneignung der Welt voraus, indem die Welt wahrgenommen, in einen Sinnzusammenhang gestellt und durch willentliche Einwirkung, Umwandlung und Bearbeitung gestaltet wird.
Da die Kunst auf eigener Erfahrung beruht, erhebt sie Anspruch auf Wahrheit. Die Freiheit der Kunst gilt heute als eine ihrer wesentlichen Existenzbedingungen. Somit ist tendenziell all das Kunst, was aus dem täglichen freien Leben ohne eingeübte Absicherung entsteht. In diesem Verständnis ist jeder Mensch potentiell ein Künstler, vielleicht ein Lebenskünstler.
Der Künstler betrachtet und spürt, wie sich einzelne Elemente seines Werks zueinander verhalten. Der Kern liegt in der Betrachtung von Beziehungen und ihrer Gestaltungsmöglichkeiten. Die Analogie zum Mentoring liegt auf der Hand - auch dort liegt die Kraft in der Betrachtung und in der Gestaltung einer menschlichen Beziehung. Mentoring und Kunst entstehen aus dem Leerraum und aus dem Wunsch, diesen Leerraum zu füllen. Beide sind Ausdruck individuellen Erlebens und des Wunsches, dieses Erleben anderen Menschen mitzuteilen. Im Mentoring gibt es nie den einzelnen Gestalter - die Gestaltungsimpulse von Mentor und Mentee treffen aufeinander, treten zueinander in Beziehung - etwas Neues, Unerwartetes kann das Ergebnis sein.
Die Kraft der Kunst und des Mentorings gleichermaßen ist die Verbindung von Effizienz und Humanität, die Verflüssigung von Routinen, die Wiederentdeckung von Lebendigkeit, die Nutzung und Erweiterung von Spiel-, Handlungs- und Beziehungsräumen. Die Kunst im Mentoring ist es, aus zwei verschiedenen Lebenswegen eine Beziehung herzustellen, die für beide einen unschätzbaren Wert hat.
"Ton wird zu Gefäßen geformt, Türen und Fenster werden aus den Wänden herausgeschlagen, aber die Nützlichkeit liegt stets im Leerraum. Nutzen entsteht aus dem, was gefertigt wurde, aber die Nützlichkeit entsteht aus dem, was fehlt."